Lebenszeit vs. Weltzeit

Lebenszeit vs. Weltzeit

Ein Aufenthalt am Grand Canyon kann – neben den visuellen Eindrücken – durchaus auch in der ‚Seele’ Spuren hinterlassen. Ich bin hier konfrontiert mit dem Widerspruch zwischen meiner eigenen Lebenszeit (von vielleicht 90 Jahren) und der hier erkennbaren, geologischen Zeit, die Hunderte von Millionen Jahren umfasst (Die ältesten Gesteine zuunterst im Canyon werden auf etwa 1‘700 Mio. datiert). In einem Reisebericht im Jahr 2011 schrieb ich:

Der Grand Canyon ist grossartig, unergründlich irgendwie und die freigelegten Felsschichten reichen weit in die Vergangenheit unseres Planeten zurück. Nirgends auf der Welt sind die Sedimentschichten langer Vergangenheit in ihrer originalen, waagrechten Lage erhalten und freigelegt – das Colorado Plateau ist einzigartig. Immer wenn ich hier bin, öffnet sich erneut der Widerspruch, der in folgendem Zitat einzigartig formuliert ist:

„..Das Missverhältnis zwischen Lebenszeit und Weltzeit bringt den Menschen in eine Position, in der er an der einen kein Genügen finden kann, gleichzeitig aber von der anderen ausgeschlossen bleibt. Mit der Zeit der Natur ist nicht nur eine beispiellose Erstreckung und Stabilität verbunden, sondern im selben Masse auch die unheilbare Enttäuschung darüber, zur natürlichen Zeit nicht aufschliessen zu können – also auf immer vom natürlichen Werden in seiner ganzen Grösse ausgeschlossen zu bleiben…“ (gefunden in Henning Ritter, Notizhefte, Juni 2010)

Der Canyon selbst ist zwar nur ca. 6 Mio. Jahre alt, die freigelegten Gesteinsschichten reichen aber bis 1.4 Billionen Jahre zurück (1400 Millionen). Peter kommt ins Staunen und Nachdenken… das aber ohne greifbares Resultat bleibt. Aber, um es auf Berndeutsch zu sagen, mir wei nid grüble.

Ende Zitat aus 2011

Sonnenaufgang am Canyon

So sitze ich erneut am Rand der Schlucht, nehme war, wie die Wolken das Licht im Canyon ständig ändern und sinniere über den Platz des Menschens in der Natur, sein Erscheinen auf der Bühne vor ca. 3 Mio. Jahren und über sein Vergehen in einer noch unbestimmten Zukunft. Diesen Canyon gab es, als homo sapiens noch nicht hier war und es wird den Canyon noch geben, wenn die Evolution längst andere Lebewesen hervorgebracht hat. Die durchschnittliche Lebensdauer einer Spezies wird auf 4 Mio Jahre geschätzt.

Ich bin ja bekanntermassen a-religiös, trotzdem führen mich diese Gedanken zu einer Demut angesichts des Werdens und Vergehens aller Dinge – und, dass ich, als bewusstes Wesen, dies alles betrachten und bedenken kann.

Zum Schluss noch etwas zu den Wolken: ich war mal bekannt als Mr. Cloud, da ich immer wieder Wolken, auch für eine Ausstellung, fotografiert habe. Hier meine Wolken-Sammlung:

Wolken am Himmel

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